Spendenaktion zur Renovierung der Martinskirche Wildberg

Martinskirche mittendrin

1. Gemeinde und Projekt

Die Evangelische Kirchengemeinde Wildberg, zu der 1.630 Gemeindeglieder (ca. 800 Haushalte) gehören, hat mit ihrer historischen Martinskirche aus dem 15. Jahrhundert ein wichtiges Gebäude inmitten der kleinen Schäferlaufstadt am Rande des Schwarzwalds.

Nach über 60 Jahren zeigte die Bausubstanz der Kirche etliche Schäden; die baulichen Gegebenheiten des Kirchengebäudes entsprachen nicht mehr den aktuellen Nutzungsanforderungen. Eine umfassende Sanierung und Modernisierung war dringend geboten. Betroffen waren Innenputz und –anstrich, eine neue Infrarotheizung, Modernisierung von Sanitäranlagen, Teeküche, Barrierefreiheit, Neuinstallation von Licht- und Tontechnik, flexibel handhabbare Kirchenbänke und vieles mehr.

Finanzierungsplan
Die geplanten Sanierungs-Maßnahmen ergaben einen zu finanzierenden Gesamtkostenrahmen von 484.330 €. Neben den Zuweisungen aus dem Ausgleichsstock der Landeskirche und vom Kirchenbezirk waren 298.130 € an Eigenmitteln von der Kirchengemeinde aufzubringen. Trotz langfristig vorausschauend aufgebauter Rücklagen fehlten Anfang 2015 noch 65.832 € zur Finanzierung des Projektes „Martinskirche mittendrin“. Dieser Betrag sollte durch Spenden aufgebracht werden.

Projektziel
Die Innenrenovierung der Martinskirche sollte komprimiert im Sommerhalbjahr 2015 durchgeführt werden, damit Ausfallzeiten für Veranstaltungen in der Kirche so gering wie möglich gehalten würden. Im Vertrauen auf unseren himmlischen Auftraggeber Jesus Christus und in der Hoffnung, dass sich viele Menschen mit ihren Begabungen einbringen würden, wurden die Bauarbeiten im Mai 2015 begonnen.

Von Anfang an war klar, dass es ein ehrgeiziges Ziel sein würde, bis zum Ende der Renovierungsmaßnahmen im Herbst 2015 das fehlende Geld zusammen zu bekommen.
Tatsächlich ist es dann gelungen, innerhalb von neun Monaten (bis Ende 2015) rund 70.000 € für die Renovierung der Martinskirche zu sammeln.

2. Gesamtkonzept Spenden-Aktionen

Die fehlenden Mittel für die Sanierung der Martinskirche sollten über 3 Säulen zusammen getragen werden.

Spenden von privaten Personen und von Firmen
Durch Spenden-Bittbriefe an alle evangelischen Gemeindeglieder sowie an alle Wildberger Firmen, konnten größere Spendenbeträge über das Gottesdienstopfer hinaus verbucht werden.

Eigenleistungen bei den Bauarbeiten


Die große Bereitschaft vieler Gemeindeglieder, bei der Renovierung tatkräftig mit zu helfen, hat einen enormen Beitrag zur Reduzierung der Baukosten beigetragen. Insgesamt wurden 775 Stunden Eigenleistung von 85 Personen ehrenamtlich eingebracht.

Fundraising-Aktionen
Bei verschiedenen Aktionen beteiligten sich viele Menschen aus der Gemeinde und darüber hinaus an unserem Projekt der Kirchenrenovierung. Zur Koordination aller Spendenaktionen wurde im Herbst 2014 ein Projektausschuss Spenden neu zusammengestellt. Mit Unterstützung des Fundraising-Beauftragten der Evangelischen Landeskirche, Helmut Liebs, wurden Ideen gesammelt, vorbereitet, beraten und terminlich koordiniert. Dabei war es hilfreich, auf bereits erfolgreich durchgeführte Aktionen anderer Gemeinden als Vorlage zurückgreifen zu können, um nicht „das Rad neu erfinden“ zu müssen. Als Wiedererkennungs-Marke in der Öffentlichkeit, wurde für alle Spenden-Aktionen das Logo „Martinskirche mittendrin“ entwickelt, welches durchgängig alle Aktionen begleitete. In diesem Projektausschuss konnten auch bereits fertige Ideen für Spenden-Aktionen eingebracht werden. Wurde ein Verantwortlicher gefunden, der eine Aktion durchführte, wurde die Terminkoordination, Mitarbeitersuche und die Werbung mit Unterstützung des Projektausschusses durchgeführt. Die Aktionen werden nachfolgend einzeln beschrieben.

3. Die Zielgruppen

Durch die Nutzung guter Kontakte der Mitarbeiter im Projektausschuss Spenden ist es gelungen, ganz unterschiedliche Menschen zu erreichen:
a)  Jung und Alt der Gemeinde über alle Gruppen und Kreise hinweg.
b)  Vereine und Institutionen
c)  Kunst- und Kulturinteressierte
d)  Geschäftsleute

4. Aktionen und deren Kommunikation

a) Zielgruppe Jung und Alt

1. Apfelsaftaktion
Bei der Apfelsaftaktion wurden von Kindergärten, einer Jugendgruppe und ganzen Familien in 549 Stunden über 21 Tonnen Äpfel aufgelesen. Der leckere Apfelsaft „Bag in Box“ fand in vielen Haushalten und bei den örtlichen Gastronomen dankbare Abnehmer.

2. Gemeinde-Mittagessen

Der Erlös von 2 Gemeinde-Mittagessen (zu Beginn und zum Ende der Kirchen
renovierung), bei denen die Begegnung ein wichtiger Bestandteil ist, war ebenfalls für die Renovierung der Martinskirche bestimmt. Diese Gemeinde-Mittagessen finden regelmäßig bis zu 4 Mal pro Jahr in unserer Kirchengemeinde statt.

3. Selbstgemachte Marmelade wurde im Pfarrhaus und im Rahmen eines Erntedankmarktes auf dem Wochenmarkt in Wildbergs kleiner Markthalle verkauft.

4. Kuchenverkauf
Mehrmals wurden nach den Gottesdiensten selbst gemachte Kuchen zur Mitnahme für den Sonntagskaffee verkauft.

b) Zielgruppe Vereine und Institutionen

1. Martinsregatta
Mehrere Hundert Zuschauer verfolgten die erste Martinsregatta im Rahmen der Wildberger Marktage.

acht Teams waren incl. Fanclubs mit vollem Einsatz auf der Nagold am Start. Der Erfolg war riesig, so dass nicht zuletzt auf Wunsch des Bürgermeisters die nächste Regatta für 2017 schon angedacht ist.

2. „Martinskirche fliegt“
Ein besonderes Angebot kam von einem Jugendlichen des Flugsportvereins Wächtersberg.
Rundflüge incl. Mittagessen, sowie Kaffee und Kuchen für die Martinskirche. Der Tag wurde mit dem Gottesdienst „Martinskirche fliegt“ im Fliegerhangar eröffnet und war zur Freude der Organisatoren sehr gut besucht.

c) Zielgruppe Kunst- und Kulturinteressierte

1. Gemälde
Gemälde einer Wildberger Künstlerin wurden im Ev. Gemeindehaus und im Rathaus präsentiert und verkauft, 80% des Erlöses der Bildverkäufe waren für unser Projekt.

2. Fotokarten
Ein Hobbyfotograph aus unserer Gemeinde verkaufte Fotokarten mit Naturaufnahmen.

3. Ein Geburtstagskalender in limitierter Auflage mit Fotos von Wildberger Gebäuden wurde über den örtlichen Einzelhandel verkauft. Insbesondere bei der Apotheke war der Umsatz hoch. Der Geburtstagskalender kann mehrere Jahre lang verwendet werden.

4. Engelsskulpturen aus Bronze wurden von einem Wildberger Gemeindeglied entworfen und auch über eine eigens eingerichtete Homepage vertrieben.

5. Benefizkonzerte zugunsten der Kirchenrenovierung veranstalteten die Chorgemeinschaft Wildberg/Sulz und das Orchester der Musikschule Wildberg.

Flyer

d) Zielgruppe Firmen
Durch ein Schreiben (8) an Firmen und Gewerbetreibende konnten weitere Unterstützer für die Renovierung der Martinskirche gewonnen werden.

 

Kommunikation

Im ganzen Stadtgebiet und darüber hinaus war die Renovierung der Martinskirche durch die verschiedenen Aktionen sowie die Pressearbeit regelmäßig Gesprächsthema:

 

  • Spendenbarometer gut sichtbar an der Außenfassade der Kirche wurde auch als Bauinfotafel und als Danktafel für die Firmen-Sponsoren verwendet
  • Verschiedene Werbeflyer zu den Einzelaktionen sowie Flyer zum Gesamtprojekt
  • Berichte im Gemeindebrief Orgelpfeife
     
  • Mitteilungsblatt der Stadt Wildberg
  • Tagespresse Schwarzwälder Bote
  • Viele persönliche Gespräche, gute Kommunikation mit Vereinen und Kommune.

5. Erfolge

  • erfolgreiche Spendenwerbung und Spendenrücklauf
  • starke ehrenamtliche Mitarbeiter-Beteiligung
  • breite Unterstützung durch Vereine, Kommune und Öffentlichkeit
  • Durchführung vieler Spendenaktionen während des Umbaus
  • optisch und technisch gelungene Renovierung der
  • Martinskirche
  • gutes Gebäudekonzept: „Gebäude dient der Gemeinde - nicht die Gemeinde dem Gebäude“
  • Erreichen des Spendenziel bereits zum Jahresende 2015 (schneller als gedacht)
  • Durch die Renovierungs-Aktion „Martinskirche mittendrin“ wurde aus der Not (fehlender großer Gottesdienstraum) „Martinskirche on Tour“ ins Leben
  •   gerufen.

Da die Gottesdienste während der Renovierungszeit im Ev. Gemeindezentrum stattfanden, wo es max. 100 Sitzplätze gab, mussten für bestimmte Gottesdienste, bei denen mehr Besucher erwartet werden, neue Gottesdienstorte gesucht werden. So feierten wir an mehreren Sonntagen Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten mit jeweils von 100-250 Besuchern:

  • im Innenhof des Klosters Reuthin am Tag nach der Martinsregatta anlässlich der Wildberger Markttage
  • anlässlich des von einem früheren Konfirmanden organisierten Flugtages „Martinskirche fliegt“ im Fliegerhangar auf dem Wächtersberg
  • anlässlich des Erntedankfestes, bei dem immer ein Kindergarten mitwirkt, in der Halle des Kleintierzüchtervereins
  • Der Erntebittgottesdienst auf einem landwirtschaftlichen Hof (Kronenhof)
  • Der Bericht der Konfirmanden von ihren Gemeindepraktika (Präsentationen) wurde mit einem Gemeindemittagessen verbunden und in die Stadthalle verlegt.

6. Fazit

Ein erfreulicher Nebeneffekt der Fundraising-Aktionen war und ist, dass sich viele gute Kontakte zu Menschen in unserer Stadt ergaben – darunter nicht wenigen, die bisher kaum am Gemeindeleben teilnahmen. Besonders ermutigend war bei diesen Gemeinschaftserlebnissen auch, dass fast durchweg der Wunsch nach Wiederholung dieser Aktion geäußert wurde. Durch diese Aktionen haben wir gelernt, Leute die sonst weniger regelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen, auch zukünftig im Blick zu behalten, christliche Gemeinschaft zu leben, offene Türen zu haben und Menschen für Jesus Christus begeistern. Beeindruckend war zu erleben, wie z.B. bei den Kaffeepausen der Apfelsammelaktion auch kirchenferne Menschen das Tischgebet schätzten.

Für eine gemeinsame gute Sache lassen sich mehr Unterstützer finden als man denkt. Kirchengemeinderat und viele Mitarbeiter sind gestärkt und motiviert worden, dadurch dass so viele Menschen sich mit eingebracht haben. Das macht Mut, bei zukünftigen Projekten mit Ideen und Einsatz gemeinsam etwas zu bewegen. So ist der Abschnitt 2 (Renovierung des Chorraums in der Martinskirche und die Reinigung der Orgel) bereits in Planung.

Verschiedene Menschen sind auf unterschiedliche Weise bereit, Geld zu spenden, Zeit und Ideen einzubringen oder sich an Aktionen zu beteiligen. Es gibt verschiedene Wege zum Ziel.

Die Kirchengemeinde Wildberg errreichte mit ihrer Aktion beim 5. Württembergischen Fundraisingpreis 2016 den zweiten Platz in der Kategorie "Gesamtkonzept"

Evangelische Kirchengemeinde Wildberg
Johannes Deuble
jd@rempp-kuechen.de

KOLUMNE DES MONATS

In der Kolumne des Monats berichtet Götz Gebureck über Anlassspenden.

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