In der Kolumne des Monats räumt Dirk Buchmann, Fundraising-Beauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, auf mit dem Gedanken, dass Fundraising etwas mit Betteln zu tun haben könnte.

Liebe Leserin,
lieber Leser,

Jedes Mal frage ich mich aufs Neue: Warum verwenden viele unserer Schwestern und Brüder im kirchlichen und diakonischen Bereich noch immer Begriffe wie Betteln, Klinkenputzen oder Geld eintreiben, wenn wir über Fundraising sprechen? Nicht dass der Begriff „Fundraising“ es leichter machen würde das Ansinnen dahinter zu verstehen, geschweige denn jeder oder jedem flüssig über die Lippen kommt. Doch ein typischer Satz, der mir in meinen Beratungsgesprächen oder Schulungen begegnet, lautet: „Ich geh doch nicht betteln!“. „Nein, Sie betteln nicht, Sie putzen keine Klinken und Sie treiben auch kein Geld ein!“, ist dann meine Erwiderung. Obwohl, bei letzterem bin ich mir nicht ganz sicher, wenn ich so manchen Kirchgeldbrief lese. Aber das ist ein anderes Thema.

In jeder neuen Beratung, in jeder neuen Begegnung mit engagierten Menschen braucht es zu-nächst Zeit, mit den oben genannten Begrifflichkeiten aufzuräumen. Die Einschätzung, Fundrai-sing sei doch nur eine beschönigende Umschreibung für Betteln oder Klinkenputzen, hält sich hartnäckig in den Köpfen. Und sie sorgt in meinen Augen für einen Effekt, der einem erfolgreichen Fundraising schroff im Wege steht - Mann oder Frau traut sich gar nicht mehr um eine Spende zu bitten, denn „Betteln“ und all die anderen genannten Begriffe sind in unserem gesellschaftlichen Kontext negativ besetzt und werden zum Teil geächtet.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass aufdringliches Betteln in unserem Land den Tatbestand der „Belästigung der Allgemeinheit“ erfüllen und als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann. Im § 118 Ordnungswidrigkeitsgesetz (OWiG) heißt es dazu: „(1) Ordnungswidrig handelt, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.“

Auf solch eine Stufe will sich kein Christ stellen, niemand will so gesehen oder beurteilt werden. Und deshalb finden sich – so mein Eindruck – immer weniger Menschen, welche die Offenheit und Standfestigkeit haben, für ihre Anliegen aktiv um Unterstützung zu bitten.

Gerne möchte ich denjenigen, die sich für gute Projekte, für ihre Kirchengemeinde oder für ihren Förderverein engagieren, diese Ängste nehmen, denn gutes Fundraising beginnt im Kopf. Jeder Mensch trägt auf seiner „inneren Landkarte“ Werte, Erfahrungen, Einstellungen oder Vorurteile mit sich, welche ihn in seinem Handeln stärken oder behindern. Und so ist es aus meiner Sicht immer wieder nötig, auf die Unterschiede zwischen Betteln und Bitten einzugehen, da diese für unsere Einstellung von großer Bedeutung sind.

Auch wenn die Begriffe oftmals synonym verwendet werden, so meinen sie doch verschiedene Dinge. Beim Betteln steht für mich der eigene Bedarf im Vordergrund. Jemand bettelt, weil es ihm persönlich schlecht geht, weil er seine physiologischen Bedürfnisse nicht erfüllen kann, er Unterstützung braucht. Aber es gibt auch die Beobachtung, dass Betteln als Geschäftsidee aufgegriffen und praktiziert wird. Gerade in Großstädten gibt es professionelle Bettlergruppen, die sehr aufdringlich agieren und rein gar nichts mit einem notleidenden Menschen gemein haben. Doch genau diese Beispiele sind es, die in der öffentlichen Wahrnehmung und der Meinungsbildung zum Fundraising herangezogen werden. Da ist die Sprache von der „Spendenmafia“ und anderem mehr. Schade, denn diese Pauschalisierung hat nichts mit unserem Verständnis vom Fundraising zu tun.

Anders verhält es sich, wenn ich jemanden um eine Spende bitte. Hierbei wird in aller Regel für die Unterstützung von gemeinnützigen „guten“ Zwecken geworben. Es geht darum, dass wir eine Beziehung zu unseren Spendern so aufzubauen, dass die Sache im Mittelpunkt steht. Die Begegnung mit Spendern ist immer eine ehrliche und empathische auf Augenhöhe, bei der man in aller Transparenz deutlich macht, warum man für seine Arbeit um Unterstützung bittet. Und man bittet nicht für sich persönlich! Es geht darum Missstände abzustellen, Probleme zu lösen, Not zu lindern oder Veränderungen zu bewirken. Daran kann ich nichts Schlechtes erkennen. Natürlich kann eine Bitte abgelehnt werden, das ist völlig in Ordnung. Dafür gibt es ganz unter-schiedliche Gründe, die es zu erfragen lohnt: der ungünstige Zeitpunkt der Anfrage, das falsche Thema, zu wenig Wissen über das Projekt …. Ein „Nein“ gehört im Fundraising einfach dazu.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mehr Menschen den Unterschied zwischen Betteln und Bitten erkennen und in ihrem Kopf „abspeichern“. Denn eine positive Einstellung zum Fundraising ist die Voraussetzung, um Menschen von der Notwendigkeit einer Unterstützung zu über-zeugen.

Und so sollten wir uns bei unseren Bitten von der Überzeugung Gutes zu tun, der Hoffnung auf Unterstützung und dem Vertrauen auf Gott leiten lassen. In Matthäus 7,7 heißt es: „Bittet, und es wird euch gegeben; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet.“

In diesem Sinne Ihr

Dirk Buchmann
Fundraising-Beauftrager
Evangelische Kirche in Mitteldeutschland
dirk.buchmann@ekmd.de
 

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KOLUMNE DES MONATS

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