Lang lebe die Spendentüte!
Vom Spendensammeln zum Fundraising

Ein typisches Benefizkonzert in vielen Kirchen läuft in etwa so ab: Auf dem Plakat steht in großen Lettern „Benefizkonzert: Eintritt frei – Spenden werden erbeten“. Wahlweise werden nach einem entsprechenden Aufruf während des Konzerts Spendenkörbchen durch die Reihen geschickt oder man wird beim Verlassen der Kirche darum gebeten, etwas in das Körbchen einzulegen. Mal wird dieses Körbchen von einem freundlich verlegen dreinblickenden Menschen gehalten und andernorts bloß auf einem Stuhl neben der Kirchentür abgestellt.

So ein Szenario bietet eine Fülle von Optimierungsmöglichkeiten. Es scheint unverständlich, weshalb bei solchen Gelegenheiten nicht wie andernorts auch üblich Eintrittskarten zu einem festen Preis verkauft werden. Dieses Verfahren ist einfach zu organisieren, weniger peinlich und erzielt mindestens Erlöse in gleicher Höhe. Doch von vielen kirchlichen Veranstaltern werden dagegen unterschiedliche Gründe angeführt. Bei den Benefizkonzerten für die Mannheimer Vesperkirche zum Beispiel sollen auch die weitgehend mittellosen Gäste der Vesperkirche vom Besuch der Konzerte durch Eintrittskarten bzw. der Bitte danach nicht ausgeschlossen werden. Hier schlägt eine für die Kirchen charakteristische stark egalitäre Binnenkultur durch, mit der insbesondere Benefiz- und auch Großspenderaktionen immer wieder in Konflikt geraten können.

 

Die verschiedenen Spender haben das berechtigte Interesse, dass durch ihre Gabe der größtmögliche Nutzen für die Bedürftigen erzielt wird. Das gilt bei Benefizveranstaltungen allen voran für die Künstler. Sie spenden ihre Zeit und ihr Können in mittelbarer Weise für den guten Zweck. Sie möchten Geldspender animieren ihrerseits einen möglichst großen Betrag für diesen Zweck zu spenden.

Und auch den Geldspendern wird man durch das oben beschriebene Vorgehen nicht gerecht. Das plötzliche Auftauchen des Körbchens in der Reihe oder auch am Ausgang drängt zu ad-hoc-Handlungen.In Mannheim gab es zudem immer wieder Beschwerden oder Anfragen, ob wir uns nicht etwas einfallen lassen könnten, damit die Spenden bei diesen Veranstaltungen von der Steuer abgesetzt werden können. Dann würden sie auch mehr geben. Alles Lamentieren, dass sie auch anders spenden könnten verbot sich, denn wenn der Besucher beim Konzert spenden will, dann soll er es auch können.

Wir konnten und wollten andererseits nicht gegen die 14jährige Kultur der Gleichheit in der Vesperkirche agieren. So knüpften wir ganz pragmatisch an einer anderen kirchlichen Kulturform an. Wir führten Spendentüten ein. Dieses Medium ist eine bekannte Form des Spendens in der evangelischen wie katholischen Kirche. Die Aktionen Brot für die Welt, die Opferwoche der Diakonie oder entsprechendes Sammlungen von Misereor und Caritas bedienen sich seit Jahrzehnten dieses Mittels.

Wir legten in den Bankreihen der Kirche, in der das Benefizkonzert stattfand, die Spendentüten mit Kugelschreibern aus. Zusammengehalten wurden diese kleinen Pakete von einer Banderole mit dem Aufdruck „Wünschen Sie eine Spendenquittung? Dann nutzen Sie einfach die Spendentüte!“

Gesammelt wurde wie in den Vorjahren auch. Der Moderator des Abends rief in launig motivierender Weise die Besucher zu einer Spende für die Vesperkirche auf und wies dabei auf die Möglichkeit der Spendentüte hin. Diese wurden wie das Bargeld in die Körbchen eingelegt.

Anschließend haben wir die Aktion ausgewertet. Hier die Zahlen von zwei Veranstaltungen in tabellarischer Form:

 

Kennzahl/Veranstaltung am

16.01.2011

30.01.2011

Spenden Gesamt

1.960,00 €

6.715,77 €

Besucher gesamt

250

485

Durchschnittsspende

7,84 €

13,85 €

Tüten benutzt

14

26

Tüten brauchbar

12

24

Summe in Tüten

475,00 €

1.030,00 €

Tüten-Durchschnitt

39,58 €

42,92 €

Anteil Tütenanzahl an Spendern

4,80%

4,95%

Anteil Tütenspenden an Gesamt

24,23%

15,34%

Eigene Erhebungen und Berechnungen

 

Rund fünf Prozent der Besucher haben die Tüten benutzt. In beiden Fällen liegt der Spendendurchschnitt in den Tüten über dem Gesamtschnitt. Diese Beobachtungen wurden bei einer weiteren Veranstaltung, einem Festgottesdienst, bestätigt. Zudem waren uns rund 80% der Personen, die mit den Tüten gespendet hatten, namentlich vorher als Spender unbekannt. Die Adressgewinnung durch die Spendentüten ist ein wichtiger Mehrwert dieser Methode. So kommen wir vom bloßen „Spendensammeln“ zum systematischen Fundraising. Ob auch das Gesamtspendenaufkommen bei den Benefizkonzerten durch die Tüten signifikant ansteigt, werden wir in zwei bis drei Jahren sagen können. Es gab in den vergangenen Jahren dabei im positiven wie im Negativen zu viele Sondereffekte.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für diese Methode ist die flächendeckende Verteilung der Spendentüten und Kugelschreiber im Veranstaltungsraum. Die Tüten müssen ohne Aufstehen verfügbar sein. Die Banderole fordert vor und während des Benefizkonzerts dazu auf, sich mit der Frage der Spende und Spendenhöhe auseinander zu setzen. So wird aus der Spende geplantes Geben.

Kirche ist auch beim Fundraising in manchen Dingen anders und eigen. Und dennoch ergeben sich daraus auch immer wieder neue und ganz eigene Wege.

 

PS: Kollektentüten könnten eine Alternative zu den mancherorts benutzten Kollektenbons sein.

 

Pfarrer Sebastian Carp
Fundraising-Manager (FA)/Stabsstelle Fundraising der Evangelischen Kirche in Mannheim
Sebastian.Carp@kbz.ekiba.de

 

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