Wundersame Geldvermehrungen wie im Gleichnis

Projekt
Ob für eine Gemeindehausheizung (Allmersbach), die Jugendarbeit (Münsingen), die Gemeindearbeit (Tübingen) oder die Renovierung einer Kirche (Waldbach und Wurmberg): Pate stand bei den dortigen „Wucheraktionen“ stets das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25) oder Pfunden (Lukas 19). Das Gleichnis verdeutlicht: der Mensch soll der anbrechenden, jedoch in Gänze noch ausstehenden Herrschaft Gottes in der Weise entsprechen, dass er jetzt seine ihm anvertrauten Gaben aktiv vermehrt. Die Vermehrung ist also ein Tun in der Zwischenzeit, ist das irdisch Vorläufige angesichts des himmlisch Endgültigen. Hier setzen die oben genannten Aktionen an, die mit der spannenden Frage „spielen“, ob es heutzutage möglich ist, tatsächlich gemäß dem Gleichnis zu handeln.

Durchführung
Entweder im Gottesdienst oder bei einem daran anschließenden Mittagessen oder Gemeindefest werden Briefumschläge mit je einem 10-Euro-Schein ausgegeben. Manche Gemeinden geben lediglich 5-Euro-Scheine aus, was fast zu wenig ist. Im Gottesdienst wird natürlich das Gleichnis gepredigt. Beim Mittagessen oder Gemeindefest bietet sich die Form eines kleinen Theaterspiels oder einer Sprechmotette an. Man sollte die Verteilung so gestalten, dass sie als Angebot verstanden wird; ein Angebot darf man ohne Gesichtsverlust auch ausgeschlagen. Denn nicht alle Menschen sind in der Lage oder haben ein entsprechendes Umfeld, Kreativität in Klingendes zu verwandeln. Die Ausgabe des Geldes ist Vertrauenssache; die Empfänger werden nicht namentlich dokumentiert.

Eindeutig zu benennen ist eine Kontaktperson, die befragt werden kann, wenn jemand unsicher ist, ob er dieses oder jenes tun darf oder wenn er Mithelfer sucht. Motivierend ist es, wenn in der Zwischenzeit ein Gemeindebasar, -fest oder
-kunsthandwerksmarkt stattfindet, auf dem Selbstgefertigtes verkauft oder Einstudiertes aufgeführt werden kann. Während der Vermehrungszeit gilt es, die Erfolgsaktivitäten in Gemeindebrief, Presse und Internet zu veröffentlichen. Parallel sind Ideen und Erfolge auch auf einer Pinwand in Gemeindehaus oder Kirche abzulesen. Das macht Mut.

Als Zeitpunkt empfiehlt sich ein Sonntag im Frühjahr oder Frühsommer. Zwischen Geldausgabe und Rückgabe-Endtermin (die Rückgabe darf auch früher erfolgen) müssen einige Monate Zeit sein. Als passender Rahmen hat sich Erntedank bewährt. Dabei werden nicht nur die vermehrten Pfunde eingesammelt, sondern auch die dazu gehörigen Geschichten erzählt und so zur Geltung gebracht. Schließlich: wer das vermehrte Geld namentlich gekennzeichnet zurückgibt, kann dafür eine steuerwirksame Zuwendungsbestätigung erhalten.

Beispiele
Das Muster der Geldvermehrung ist stets ähnlich: Mit dem anvertrauten Geld werden „Zutaten“ gekauft, kreativ verarbeitet oder bearbeitet und dann verkauft. Gebacken, eingekocht, gezogen, zubereitet oder gebastelt werden beispielsweise Kuchen (Verkauf in der Schulpause), die Ernte von bei der Kommune gepachteten Apfelbäumen, Stricksocken, Honig, Marmelade, Most, Ackersalat, Holzofenbrot (aus dem örtlichen Backhaus), Salate für den Gottesdienst im Grünen, Kakteen, Kerzenständer in Tiffanytechnik, Zinnfiguren, Herbstgestecke.
Auch Wellnessbehandlungen, Autowaschdienste, Nordic-Walking-Kurse, Zaubernachmittage, Konzerte und Einladungen zum Essen werden gegen Gebühr angeboten.

Die Tübinger Jakobusgemeinde hat die Aktion besonders breit angelegt. Ihre Aktion „Talente entdecken“ zielte darauf, dass sich die unterschiedlichen Gemeindegruppen mittels der Aktion vernetzen, Menschen integriert werden, die Gemeinschaft intensiviert, die Gemeinde neu wahrgenommen wird, das Selbstbewusstsein wächst – und das Geld sich quasi nebenbei vermehrt. So wurden im Anschluss an einen Talente-Gottesdienst nicht nur 10-Euro-Scheine ausgegeben, sondern dazu auch ein Faltblatt mit Erklärungen und Anregungen sowie ein Rückumschlag. In der sechsmonatigen Zwischenzeit wurde zweimal ein Talenteheft erstellt. In diesem wurden diejenigen Angebote veröffentlicht, die man gegen Gebühr wahrnehmen oder bei denen man sich einklinken oder die man kaufen konnte: Kinoabend, Kinderzauberkurs, Computerworkshop, Schreibwerkstatt, Lachübungen, Nackenmassage, Backkurs, Armbänder fädeln, Honig, Holundersaft.

Das Evangelische Jugendwerk Bezirk Münsingen nannte seine Aktion „Bezirkswuchermeisterschaft“. Sie wurde per Internet, Rundbrief, Presse, Plakat und Flyer beworben. Kinder- und Jugendgruppen konnten sich bewerben. Darauf erhielten sie 25 Euro Startguthaben sowie einen Monat (Oktober) Zeit, es zu vermehren. Acht Teams bewarben sich. Sie organisierten unter anderem einen Wurst-und-Käsweckles-Bringdienst, luden zu einem Gemeindeessen ein, bastelten und veranstalteten ein Open-Air-Kino. Die Siegergruppe erhielt einen Wanderpokal; das heißt: die Aktion wird wiederholt.

Erfolg
Kirche bringt sich ins Gespräch
Viele Menschen können sich sehr unterschiedlich beteiligen
Eine Möglichkeit für Gruppen sich zu engagieren
Gemeinsame Freude über die Ergebnisse
Einnahmen zwischen 5 und 20 Mal mehr, als verteilt wurde

Zitat einer Rückmeldung aus Tübingen: „Bis jetzt habe ich nirgendwo gesehen, wo ich mich hätte einbringen können. Durch die Talente-Aktion wurde mir signalisiert: wir brauchen dich, du bist mit deinen Talenten bei uns gefragt.“

Quelle: Helmut Liebs: Damit die Kirche im Dorf bleibt: Fundraising. 55 beste Beispiele aus Württemberg. Stuttgart 2009

Foto: Evang. Jakobusgemeinde Tübingen

KOLUMNE DES MONATS

In der Kolumne des Monats berichtet Götz Gebureck über Anlassspenden.

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